Museumstag 2008 - Nachtrag

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Newsarchiv 2008

LR vom 19.05.2008

Hans Coppi in einer Gesprächsrunde im Textilmuseum / Ausstellung endet erst im Juni

Die ganze Geschichte des Widerstands

Forst.  Anlässlich des Internationalen Museumstages hat das Brandenburgische Textilmuseum in Forst am Samstag zu einer Gesprächsrunde mit Dr. Hans Coppi aus Berlin eingeladen. Gut vorinformiert waren die Besucher durch die gegenwärtige Ausstellung „Oda Schottmüller und die rote Kapelle“ im Museum.

Foto: Angela Hanschke
Der Historiker Dr. Hans Coppi (r.) diskutiert mit Bürgern im Brandenburgischen Textilmuseum in Forst.

Eine lange Zeit umstrittene Widerstandsgruppierung wird in dieser Ausstellung einer neuen Betrachtung unterzogen. Der Historiker Dr. Hans Coppi, der als freier Mitarbeiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand sich in zahlreichen Veröffentlichungen und Ausstellungen mit der Geschichte der „Roten Kapelle“ beschäftigt hat, war im November 1942 in einem Berliner Frauengefängnis zu Welt gekommen.

Beide Eltern gehörten der «Roten Kapelle» an und wurden zum Tode verurteilt. Sein Vater, dessen Namen er trägt, wurde Ende 1942 hingerichtet. Seine Mutter Hilde Coppi wurde von den Nazis noch so lange „ zum Leben begnadigt“, wie sie ihr Kind nähren konnte. Im August des Jahres 1943 wurde auch sie in Berlin-Plötzensee hingerichtet.

Anhand der Ausstellungstafeln beleuchtet Hans Coppi die Zusammensetzung der «Roten Kapelle» und die soziale Abstammung ihrer Mitglieder sowie deren politische und weltanschauliche Ansichten, bevor die Besucher sich zu diesem Thema mit ihm persönlich austauschten. Nach den Berichten seien ihr erst die Zusammenhänge innerhalb der «Roten Kapelle» klar geworden, erklärte Christa Müller aus Forst.

Zum Zeitpunkt der Ereignisse sei „hinter vorgehaltener Hand“ darüber spekuliert worden, weiß sie aus eigenem Erleben. „Heute wird mehr über andere Widerstandsgruppierungen berichtet“, meinte Christian Maaß (18), der derzeit das Friedrich-Ludwig-Jahn-Gymnasium besucht. Es werde an der Schule mehr über die „Weiße Rose“ gelehrt. Das hänge mit dem „Widerstand der Eliten“ – mit den Attentätern des 20. Juli – den Offizieren, die in der Wehrmacht die Karriereleiter erklommen hatten und zunehmend in Konflikt mit dem Nationalsozialismus kamen, zusammen, berichtete Hans Coppi.

Für alle Generationen

Er habe den Eindruck, oft würde in den Medien der 20. Juli 1944 als Ende allen Widerstandes festgelegt. Es sei auch an der Zeit, die Forster Geschichte – speziell um den Forster Widerstandskämpfer und späteren Bürgermeister Rudolf Rothkegel – aufzuarbeiten, forderte Rolaf Schahn von der Vereinigung Verfolgter des Naziregimes – Bund der Antifaschisten (VVN-BdA). „Berührt die Geschichte des Widerstandes noch die Jugend?“, diese Frage bewegte die Anwesenden. Dr. Hans Coppi berichtete von den Erfahrungen seiner Arbeit. Besonders der «Zug der Erinnerung» werde manchmal von mehreren Generationen einer Familie besucht. Auch Alfons Zwick verwies auf jugendliche Besucher bei den Zeitzeugengesprächen, mit denen die unmittelbare Kriegs- und Nachkriegszeit in Forst festgehalten werden soll.

Erik Hofedank war einer der Besucher des Zeitzeugencafes am 31. März. „Ein Volk, das seine Geschichte verleugnet, geht zugrunde“, meinte der 20-Jährige am Sonntag. „Groß war auch die Resonanz des Kinofilms ,Die Welle‘ unter den Jugendlichen, hat Christian Maaß erfahren. Man sollte sich informieren, solle jedoch nicht in ewiger Trauer schwelgen, sondern es künftig besser machen“ forderte er.

Oft werde diese Geschichte in der Schule mit wenigen Sätzen abgetan, bedauerte Christa Müller. Paul Wernitz stellte bei Besuchen in Thüringen fest, dass in Weimar und Sachsenhausen der kommunistische Widerstand beinahe vergessen sei. Namen wie der von Hans Beimler seien aus dem Straßenbild und von den Straßenschildern verschwunden. Viele hätten nach 1990 die Schlacht um den Namen verloren. An das Recht der Erinnerung.

Das sei auch eine Art der Ausgrenzung vom Widerstand, so Hans Coppi, der besonders in den 1950er und 1960er Jahren in den alten Bundesländern eine Ausgrenzung der «Roten Kapelle» ausmachte, die schlechthin als das Synonym des kommunistischen Widerstandes galt. Das hat sich ihm zufolge erst ab den 1980er Jahren gewandelt.

Damals habe die «Rote Kapelle» und der kommunistische Widerstand, der der zahlenmäßig größte war, auch Aufnahme in die Ausstellung «Deutscher Widerstand» gefunden. Von einseitiger Vermittlung des Widerstandsbildes während der Schulzeit berichtete die 66-jährige Siegrid Henschke aus Forst. „Die wollten doch nur ihr eigenes Schäfchen ins Trockene bringen“, habe es zu den Attentätern des 20. Juli geheißen, warf sie ein. „Haarsträubend“ empfand auch Hagen Pusch, der Vorsitzende des Forster Museumsvereins, die einseitige Betrachtungsweise der Geschichtspflege, die er während seiner Armeezeit in der DDR kennengelernt hatte.

Ausstellung verlängert

An die nach dem Jahr 1990 verschwundene Büste des Forster Ehrenbürgers Max Seidewitz vor dem Schützenhaus und die ebenfalls verschwundenen Exponate des Ehrenzimmers, erinnerte Rolaf Schahn. „Es sei gut, dass es noch Streit um die Geschichte gebe“, fand Hans Coppi. Das zeige, «sie gehört noch nicht ins Museum, sei immer noch ein Stück verlängerter Zeitgeschichte» . Interesse der Schulen hat auch Museumsleiterin Michaela Zuber ausgemacht. Besonders aktiv seien Lehrer des Forster Oberstufenzentrums und des Gymnasiums. Deshalb werde die gegenwärtige Ausstellung auch um eine Woche verlängert und sei noch bis zum 1. Juni zu betrachten.

Von Angela Hanschke