Kaum Schulen in Ausstellung
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Newsarchiv 2007

Lausitzer Rundschau vom 08.05.2007

Bislang rund 750 Besucher im Forster Textilmuseum / Nur Oberstufenzentrum Stammgast

Kaum Schulen in Ausstellung zu Juden

Aller Werbung der vergangenen Jahre zum Trotz – Schulen erreicht das Textilmuseum in Forst mit Austellungen zu politischen Themen nur selten. Neben dem häufig vertretenen Forster Oberstufenzentrum besuchte bislang nur eine 6. Klasse der Grundschule Noßdorf die Ausstellung zu Juden in der Niederlausitz, bedauert Museumsleiterin Michaela Zuber. In diesem Jahr hat sie die Rundbriefe an Schulen eingestellt.

Foto: Frank Muscheid
Gleich beim ersten Besuch von der Ausstellung zu Juden in der Niederlausitz überzeugt waren Klemens Reichert (v.l.), Eric Schacht, Michael Lenk und Christoph Matthäs aus dem ersten Lehrjahr zum Mechantroniker vom Oberstufenzentrum Forst.

Woran der mangelnde Zuspruch liegt, darüber kann Michaela Zuber nur spekulieren. An der Ausstellung selbst aber offenbar nicht. Erst vergangenen Donnerstag lobten angehende Mechatroniker vom Oberstufenzentrum das Konzept. «Die Ausstellung ist ziemlich regionsbezogen» , gefällt Eric Schacht (20) aus Spohla bei Hoyerswerda. «Dadurch bekommt man einen besseren Bezug, als wenn es um zum Beispiel um den Ruhrpott geht. Man erfährt: Da war ein jüdischer Laden gleich um die Ecke.» Auch die Konzentration und Übersichtlichkeit findet er in Ordnung. «Das hier ist nicht zu viel. Bei anderen Austellungen weiß man gar nicht, wo man zuerst hingehen soll.» Michael Lenk (21) aus Spremberg kann ihm nur zustimmen. «Das hier ist locker, ruhig und entspannt» , sagt er. «Es ist eine gute Abwechslung zum Schulunterricht – die Ausstellung ist sehenswert und gut aufgemacht. Vom jüdischen Leben in der Niederlausitz habe ich schon gehört – ich hatte aber nicht gedacht, dass es hier so viel jüdische Kultur gab» , sagt er. Konkrete Schicksale, Namen, Persönlichkeiten führten die jüdische Geschichte plastisch vor Augen.

«Sehr gut gemacht» , beurteilt auch Klemens Reichert (17) aus Schwarzkollm die Exponate. Geschichtsbücher seien dagegen sehr allgemein. Es werde bewegend dargestellt, wie Religion als Begründung für Verbrechen missbraucht worden sei. Auch Christoph Matthäs (17) aus Heidemühl hält die Ausstellung für «besser als ein Schulbuch, weil sie auf Einzelne begrenzt ist.»

Im Lehrplan Platz geschafft

Die Lehrlinge haben Arbeitsblätter ausgefüllt, die ihre Lehrerin für Wirtschaft und Sozialkunde Annett Etzrodt aus Neuhausen spontan eingebaut hat – weil sich mit der Ausstellung im Textilmuseum die Möglichkeit ergeben habe, der Thematik regional nachzugehen. «Und weil ich die Schüler mit dem Thema konfrontieren will» , sagt sie. Eigentlich stehe das erst im 2. Lehrjahr auf dem Plan, daher bleiben nur zweimal 90 Minuten zwischen dem Prüfungsstoff. Gerade sind eigentlich Unternehmensformen und Gesetze an der Reihe. «Die Ausstellung ist nicht so anonym» , lobt sie. Sie zeige Menschen, die ausgezeichnet und kurz darauf zu Feinden erklärt worden seien. «Ich kann die Ausstellung auf die Schüler wirken lassen. Hier sammeln sie Eindrücke.» Dass sei besser, als wenn jemand vor ihnen stehe – der könne ja viel erzählen. Der Rassenbegriff, der verheerende Erfolg der Nationasozialisten, die Demokratie und ihr Schutzmechanismus – was die Azubis im Arbeitsblatt ausfüllen, müsse sie nicht mehr erzählen.

«Man bekommt hier Anhaltspunkte, kann sich auf die wichtigsten Punkte konzentrieren» , beurteilt Eric Schacht die Arbeitsweise. Allerdings sei dazu auch Interesse notwendig. Vieles würde im Anschluss hinterfragt und ausdiskutiert, sieht Annett Etzrodt eine erfolgreiche Sensibilisierung. «Ich bin dabei nur die Moderatorin.» Sie verstehe nicht, dass andere Schulen das Angebot nicht nutzen – vielleicht sei es die Verantwortung, die bei Ausflügen für inzwischen übergroßer Klassen bestehe. Im Oberstufenzentrum gelte der Weg zum Außenunterricht dagegen als Schulweg, die Schüler kommen eigenverantwortlich.

Museumsleiterin Michaela Zuber sagt, es sei schwierig, mit Lehrern in Kontakt zu kommen. Das Textilmuseum hielte aber für den Unterricht wertvolle Original-Dokumente bereit. «Die Lehrer können sich alles anschauen, und mit uns den Unterricht vorbereiten» , bietet sie an. Im Gegensatz zu den Ausstellungen mit politischem Schwerpunkt komme die Schauwerkstatt gut bei Schulen an. So habe das Textilmuseum mit einer Lehrerin schon ein Arbeitsblatt zur industriellen Revolution entwickelt.

Um die Neugier bei den Schülern zu wecken, hält sie praktische Tätigkeiten für wichtig. Große Gruppen könnten geteilt werden – ein Teil erforsche zum Beispiel Spinnmaschinen und Webstühle, der andere mit historischen Stadtaufnahmen und Adressbüchern die Stadt. Immerhin hätten bislang 750 Menschen die Ausstellung zu den Niederlausitzer Juden besucht: «Eine ganz beachtliche Zahl» , ist die Museumsleiterin dennoch zufrieden.

Service Ausstellung zu Juden in der Niederlausitz

Bis zum 17. Juni zeigt das Brandenburgische Textilmuseum in Forst die Wanderausstellung «Gestern sind wir gut angekommen» – Juden in der Niederlausitz. Erarbeitet hat sie das Kreismuseum Finsterwalde. Integriert sind Schautafeln zur Geschichte der Juden in Forst von der evangelischen Kirchengemeinde. Das Textilmuseum ist Dienstag bis Donnerstag von 10 bis 17 Uhr und Freitag bis Sonntag von 14 bis 17 Uhr geöffnet. Besuche sind auch nach Voranmeldung möglich, Telefon 03562 97356.

Von Frank Muscheid