Juden in der Niederlausitz
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Newsarchiv 2007

Lausitzer Rundschau vom 03.04.2007

Austellungen zu Juden in der Niederlausitz

«Gestern sind wir gut hier angekommen»

„Gestern sind wir gut hier angekommen“ ist der Titel der am Freitagabend im Forster Textilmuseum eröffneten Wanderausstellung zur jahrhundertelangen und 1933 abrupt unterbrochenen Geschichte jüdischer Einwohner in der Niederlausitz. Wie oft mögen Briefe von Juden mit diesen Worten begonnen haben? Sie entstammen einem Briefwechsel des 16-jährigen Ernst Loewy mit seinen Eltern, der 1935 in der jüdischen Ausbildungsstätte Schniebinchen (heute in Polen) eine landwirtschaftliche Ausbildung erhielt.

Foto: Angela Hanschke

Dieser Chanukka-Leuchter stammt aus der 1938 zerstörten Cottbuser Synagoge.

Die Weitsicht der Eltern, sich von ihrem einzigen Kind zu trennen und es 1936 mit der Jugend-Alijah nach Palästina zu schicken, habe ihm das Leben gerettet, merkte Ernst Loewy Jahrzehnte später an.

Die beeindruckende und bedrückende Ausstellung wurde im Kreismuseum Finsterwalde erarbeitet. Sie sei froh, dass die Exposition aus dunkelster deutscher Geschichte nun auch in Forst angekommen sei, erklärte Museumsleiterin Michaela Zuber und äußerte den Wunsch, viele Schüler mögen mit ihren Lehrern den Weg dorthin finden. Vor zahlreiche Besuchern, darunter Kulturamtsleiter Dr. Andreas Kaiser und Mitglieder der jüdischen Gemeinde aus Cottbus, führte der Leiter des Kreismuseums Finsterwalde Dr. Rainer Ernst, ein und dankte für die liebevolle Aufnahme der Schau in Forst. Die Ausstellung habe durch die Unterstützung der evangelischen Kirchengemeinde Forst, die bereits 1988 eine solche Exposition zur Situation in Forst erarbeitete, an Anschaulichkeit gewonnen. Eine wissenschaftlich fundierte Vorarbeit hätte auch die von Jürgen Meissner und Dirk Wilking 1998 herausgegebene Broschüre „Zur Geschichte der Juden in Forst“ geleistet, so Ernst. Er verwies auf die „relativ reiche Überlieferung an Akten im Stadtarchiv Forst“.

Ziel des auch in der Ausstellung dokumentierten deutschlandweiten Novemberprogramms, das in der Reichskristallnacht seinen ersten Höhepunkt fand, war die Verdrängung von jüdischen Mitbürgern aus allen Bereichen des wirtschaftlichen und öffentlichen Lebens, ihre Vertreibung außer Landes und die Aneignung ihres Vermögens. In Forst wurden unter anderem fünf jüdische Juristen aus ihren Ämtern entfernt. Eine gründliche Erfassung aller Juden wurde mit preußischer Akribie bereits im Februar 1937 erstellt. Im Herbst 1938 habe es da nur noch eines geeigneten Anlasses bedurft, um die Pläne der Nationalsozialisten umzusetzen, so Ernst. Den lieferte letztendlich das in Paris verübte Attentat eines jungen polnischen Juden auf einen deutschen Diplomaten im November 1938. „Hoffentlich stirbt er nicht“, hätten jüdische Einwohner damals jedes Gespräch da rüber begonnen, so Ernst.

Angriff gegen Forster Synagoge

Sogenannte „Heldengedenkfeiern“ in jeder Region der Niederlausitz hätten am 9. November 1938 die Stimmung weiter aufgeheizt. In Forst versammelten sich die Nazis im Lindengarten. Die langfristige Planung der Progrome verrät die am Morgen des 10. November in Forst eingetroffene Staffelmeldung der geheimen Staatspolizei Frankfurt/Oder: „Die Bürgermeister und Ortspolizeiverwaltungen sind zu besetzen, weil gegen die Juden Demonstrationen stattfinden, die nicht zu verhindern sind...“ Am gleichen Tag erfolgte der Angriff gegen die Forster Synagoge in der Wasserstraße. Wertvolles Inventar wurde beschlagnahmt, religiöse Gegenstände zerstört. 24 jüdische Männer wurden in Schutzhaft genommen. „Mit dem heutigen Tage können wir freuderfüllt berichten: Das Forster Geschäftsleben wird judenfrei“, titelte ein Forster Blatt.

Beklemmend dazu im Gegensatz die im Textilmuseum gezeigten Filmsequenzen, die das glückliche Alltagsleben der jüdischen Großfamilie Ball in Calau zeigten. Mittelpunkt der Ausstellung war der wertvolle neunarmige Chanukka-Leuchter, ein Bestandteil des jüdischen Lichterfestes, das im Dezember gefeiert wird. Er ist eine Leihgabe des Cottbuser Stadtmuseums und wurde aus den Trümmern der in der Progromnacht zerstörten Cottbuser Synagoge geborgen.

Jüdische Melodien, auf der Violine von Musiker Albert Patyuk vorgetragen, verliehen der Ausstellung weitere Tiefe. Wichtig sei auch, so schloss Reiner Ernst: „Kristallnacht – diese Bezeichnung, die suggeriert, hier sei lediglich etwas Kristall zerschlagen worden“, sei ungeeignet, diese Progrome zu beschreiben, die durch bewusstes Wegsehen und Mittäterschaft breiter Bevölkerungskreise ermöglicht worden seien.