Gegen NS- und SED-Diktatur
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Newsarchiv 2006

Lausitzer Rundschau vom 20.09.2006

Schau zu Opposition gegen NS- und SED-Diktatur

Widerstand im Textilmuseum

In den vergangenen 100 Jahren konnten sich in Deutschland zwei Diktaturen etablieren: die der Nationalsozialisten und nach dem Zweiten Weltkrieg die des SED-Regimes im Osten des Landes. Beide Systeme sind nicht gleichzusetzen. Gemeinsam war ihnen aber, dass die Bevölkerung ideologischem Druck und staatlichem Terror ausgesetzt war, gegen den sich Einzelne wehrten. An diese Menschen – an die bekannten und die weniger bekannten – erinnert die Ausstellung «Gegen Diktatur – Demokratischer Widerstand in Deutschland» , die am Freitag im Forster Textilmuseum eröffnet wird.

Im Ausstellungsraum im Obergeschoss des Forster Textilmuseums ist schon fast alles bereit für die Besucher. 30 Schautafeln und eine Multimediastation erwarten die Interessierten. Sie liefern historische Hintergrundinformationen zu beiden Gewalt-Regimen und Beschreibungen der jeweiligen Situation des Widerstandes. In erster Linie bieten sie aber Raum für Porträts von Menschen, die sich der damals herrschenden Staatsmacht entgegensetzten. Zu sehen sind zahlreiche Bild- und Textdokumente, die belegen, wie vielfältig und wie unterschiedlich motiviert die Akte der Auflehnung waren.

Bereits in den letzten Jahren der Weimarer Republik regte sich vor allem aus den Reihen der Arbeiterbewegung der Widerstand gegen den aufkeimenden Nationalsozialismus. Nach der Machtübernahme hatte jeder, der sich den neuen Herren entgegensetzte, mit Gefängnis, Folter oder Tod zu rechnen. Nur wenige wagten es, sich den Nazis offen entgegenzustellen. So reichten die Formen des Widerstandes von stiller Verweigerung und anonymen Äußerungen des Protests bis hin zu offener Ablehnung, Konspiration und Umsturzversuchen. Aber nicht nur Verschwörer und Attentäter, auch wer ein aufklärendes Flugblatt verbreitete oder einen regimekritischen Witz erzählte, musste in der Nazi-Zeit mit der Todesstrafe rechnen.

Zu den Gegnern des NS-Regimes, an die die Ausstellung erinnert, gehört etwa Kurt Schuhmacher. Als Reichstagsabgeordneter der SPD hielt er 1932 eine scharfe Rede gegen die Nazis. Nach Hitlers Machtübernahme 1933 wurde er verhaftet und verbrachte fast die ganze NS-Zeit in KZ-Haft. Er überlebte und wurde erster Nachkriegs-SPD-Vorsitzender.

Widerstand hat viele Gesichter

Dokumentiert wird auch die Widerstandsarbeit von Gewerkschaftlern wie etwa Wilhelm Leuschner, die sich gegen die Gleichschaltung durch den Staat wehrten, oder von Menschen, die vor den Nazis ins Ausland geflohen waren und vom Exil aus gegen die Diktatur in ihrem Heimatland kämpften. Zu ihnen gehörte etwa der spätere Bundeskanzler Willy Brandt.

Neben bekannten Widerstandskämpfern wie etwa den Mitgliedern der «Weißen Rose» um Hans und Sophie Scholl, den Zugehörigen des «Kreisauer Kreises» um Helmuth James Graf von Moltke oder den Attentätern des 20. Juli 1944 um Graf Stauffenberg begegnet der Ausstellungsbesucher weniger bekannten Namen. Da ist zum Beispiel der württembergische Uhrmacher Georg Elser, der schon 1939 versuchte, Hitler mit einer selbst gebauten Bombe zu ermorden, um einen Krieg zu verhindern. Da ist der Bürstenfabrikant Otto Weidt, der Juden in seinem Betrieb beschäftigte und dem es gelang, viele Verfolgte vor der Deportation zu retten. Und da sind Jugendliche wie Hanno Günther, der sich gegen das Regime und die Vereinnahmung durch die Hitlerjugend stellte und mit dem Leben bezahlte.

Systemkritiker in der Minderheit

Einige derer, die schon während der Nazi-Zeit ihr Leben riskiert hatten, waren erneut auf der Seite des Widerstands als sich abzeichnete, dass sich nach dem Krieg in der Sowjetisch besetzten Zone kein freiheitlich, liberaler Verfassungsstaat, sondern ein System der politischen Unterdrückung etablierte. Wie unter den Nazis so gab es auch in der DDR eine Minderheit, die sich der Diktatur nicht unterwarf. Frühe Beispiele sind der Widerstand, den SPD-Mitglieder 1946 gegen die Zwangsvereinigung von SPD und KPD leisteten, eine Häftlingsrevolte im Zuchthaus Bautzen 1950 und nicht zuletzt der Volksaufstand von 1953, der mit Gewalt niedergeschlagen wurde. Neben bekannten Systemkritikern, Dissidenten und Bürgerrechtlern erinnert die Ausstellung auch an den sächsischen Schüler Achim Bayer, der alarmiert durch die Verhaftung eines sozialdemokratischen Bürgermeisters, Protestflugblätter verfasste, 1951 verhaftet und für fünf Jahre eingesperrt wurde. Ein weiteres Beispiel ist Oskar Brüsewitz, der sich aus Protest gegen die kirchenfeindliche Politik der DDR öffentlich verbrannte. Der Künstler Roger Loewig protestierte 1963 mit einer Ausstellung gegen den Mauerbau und wurde daraufhin verhaftet. Ende der 80er-Jahre wurde aus dem Widerstand Einzelner ein nicht mehr aufzuhaltendes Aufbegehren weiter Teile der Bevölkerung. Massenflucht und die Aktivitäten von Bürgerbewegungen mündeten in die friedliche Revolution von 1989.

Eine Erkenntnis, die die Besucher der Ausstellung mitnehmen werden, ist, dass es keine Übermenschen waren, die es wagten, sich gegen die Diktatur zu stemmen. Es waren meist ganz normale Leute, die jedoch den Mut hatten, ihr unabhängiges Denken nicht der staatlich verordneten Ideologie anzupassen und ihrem Gewissen zu folgen, auch wenn sie dabei ihre Freiheit und sogar ihr Leben aufs Spiel setzten. «Von ihnen geht nach wie vor eine Vorbildwirkung aus» , findet die Forster Museumsleiterin Michaela Zuber. «Deshalb kann die Ausstellung Anstoß sein, nicht zu vergessen, dass Freiheit ein hohes Gut ist, das es zu bewahren gilt.»

Info zum Thema Sonderausstellung

Die Ausstellung «Gegen Diktatur – Demokratischer Widerstand in Deutschland» , die vom Zentralverband demokratischer Widerstandskämpfer- und Verfolgtenorganisationen und der Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin erarbeitet wurde, wird vom 22. September an im Brandenburgischen Textilmuseum in Forst zu sehen sein. Bei der Eröffnung, die um 19.30 Uhr beginnt, spricht Kurt Noack aus Groß Kölzig, der als Jugendlicher vom NKWD verhaftet und inhaftiert wurde. Musikalisch begleitet wird die Veranstaltung von Wolfgang Dannat. Bis zum 19. November wird die Sonderausstellung jeweils dienstags bis donnerstags von 10 bis 17 Uhr und freitags bis sonntags von 14 bis 17 Uhr zu sehen sein. Museumspädagogische Angebote können unter 03562 97356 erfragt werden.

Von Nicole Nocon