LR Sommertour im Museum
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Newsarchiv 2005

Lausitzer Rundschau vom 28.06.2005

RUNDSCHAU-Leser waren gestern im Forster Textilmuseum auf der Sommertour

Von der Flocke bis zum fertigen Tuch

Forst.  Das Schiffchen fliegt, der Webstuhl kracht, wir weben emsig Tag und Nacht

Foto: Gerd Kundisch

Museumsmitarbeiterin Karin Jadwidziak führt historische Textilmaschinen vor.

«– das schrieb Heinrich Heine über die schlesischen Weber des 19. Jahrhunderts. Das Krachen und Fliegen kann man aber auch heute noch erleben: in der Schauwerkstatt des Brandenburgischen Textilmuseums in Forst. 20 Leser der RUNDSCHAU haben sich dort gestern vorführen lassen, welch aufwändige Arbeitsgänge notwendig waren, um in Handarbeit aus textilen Flocken ein fertiges Tuch zu produzieren.» Genau 422 Textilunternehmen existierten einmal zu besten Tuchmacherzeiten in Forst. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren es immer noch über 100; nach der Wende ging es mit der Textilindustrie aber stetig bergab. Immer mehr Unternehmen mussten schließen, auch die Forster Tuchfabriken. Dort wurde vor fast genau zehn Jahren das Brandenburgische Textilmuseum eröffnet, in dessen unterer Etage eine Schauwerkstatt eingerichtet ist. Museumsmitarbeiterin Karin Jadwidziak, die selbst spinnen und weben gelernt hat, führt die aufgestellten Maschinen aus vergangenen Zeiten vor – vom Handspulrad, Spinnrad und Webstuhl bis hin zu den industriellen Spinn- und Webmaschinen des vergangenen Jahrhunderts.

Aufmerksam beobachteten die Leser, wie geschickt Karin Jadwidziak das Spinnrad und den Schnellschützen-Handwebstuhl bedienen kann. «Per Lochkartensystem konnte man dabei das gewünschte Muster für das Tuch programmieren – so eine Art Vorläufer des Computers» , sagt sie. Professionell sieht es aus, wie sie das Schiffchen hin und her jagen lässt. Das kracht nicht schlecht und geht nur mit körperlichem Einsatz. «Früher saßen die Weber täglich acht bis zehn Stunden an einem solchen Stuhl; die brauchten wirklich kein Fitness-Studio» – so Karin Jadwidziak.

Wie schnell sie denn sei, an diesem Webstuhl – das möchte Gerhard Sickert aus Forst wissen. «Also – wenn ich ein einfarbiges Tuch webe, schaffe ich einen Meter in einer halben Stunde» , antwortet sie. Und wenn sich Fehler ins Gewebe einschleichen? «Dann trenne ich es eben wieder auf und beseitige den Fehler - kein Problem» , unterstreicht Karin Jadwidziak.

Viele der Sommertour-Teilnehmer waren aus Forst und nicht zum ersten Mal im Textilmuseum. Einige haben sogar früher in der Tuchfabrik gearbeitet. Auch einige Angehörige unseres Lesers Sylvio Krist sind vom Fach: «Die Mutter hat im Cottbuser TKC gelernt» , erzählt er. Nun wohne er schon acht Jahre in Forst, war aber noch nie in diesem Museum. «Ich habe mich natürlich für den Beruf meiner Mutter interessiert und diese Gelegenheit wahrgenommen, um ein paar Einblicke in das Textilhandwerk zu bekommen» , sagt er.

Monika Mudrack aus Welzow war 20 Jahre lang selbst in der Textilindustrie tätig – im Werk IV in Forst. Fachmännisch begutachtet sie die Spinnmaschinen und erinnert sich noch gut daran, welches Geschick man haben musste, um ordentliche Arbeit abliefern zu können.

Wenige Schritte weiter steht der mechanische Webstuhl, dessen Arbeitsweise Karin Jadwidziak kurz erklärt. Dann startet sie die Maschine, und ein Höllenlärm setzt ein. «Nun stellen Sie sich vor, dass in einer Halle mehrere solcher Maschinen gleichzeitig in Aktion sind! Man sollte schon Ohrenstöpsel tragen, doch das machte kaum jemand» , weiß Karin Jadwidziak.

Doch auch diesen Maschinen unterlaufen Fehler. Die wurden dann mit Kreide auf dem Tuch markiert und in der so genannten Einnäherei beseitigt. «Das muss man sich wie Kunststopfen vorstellen» , sagt sie. Danach wurde das Tuch durchgewalkt, gewaschen, aufgeraut, glattgeschert. Die Flusen werden abgebürstet, und nach dem Dämpfen ist es fertig für den Versand. Ganz schön aufwändig, sind sich alle einig. «Aber Forst war ja auch bekannt für seine Qualitätstuche» , betont Karin Jadwidziak.

Auf eine Tuchmachertradition kann aber auch Zary zurückblicken – die Stadt, die vor dem Zweiten Weltkrieg Sorau hieß. Zum Kreis Sorau gehörte bekanntlich auch Forst. Derzeit informiert eine Sonderausstellung in der oberen Etage des Textilmuseums über die Geschichte des ehemaligen Kreises Sorau. Unter anderem wird auch ein Videofilm aus dem Jahre 1936 über die Arbeit des letzten Handleinewebers der Gegend gezeigt, den die Sommertour-Teilnehmer sehr interessiert verfolgten.

Service Nächster Sommertour-Termin

Die nächste RUNDSCHAU-Sommertour führt am Mittwoch, dem 6. Juli, an den künftigen Klinger See.. Von Experten kann man vor Ort erfahren, wie es mit der Sanierung voran geht, wie man die Landschaft weiter gestalten will. Etwa 25 Leser können teilnehmen; Treffpunkt ist um 10.30 Uhr auf dem Sportplatz in Klinge. Dauer der Veranstaltung: eine reichliche Stunde.

Wer sich für die Tour interessiert, kann sich heute bis einschließlich Donnerstag anmelden – telefonisch über die Hotline 01801 / 22 22 30 (zum Ortstarif). Geben Sie dabei bitte Ihren Namen, Ihre Anschrift und Ihre Rufnummer an.

Von Eva-Maria Becker