Volksbrausebad 1 und 2
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Museumsverein der Stadt Forst (Lausitz) e.V.
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Volksbrausebad 1 und 2
Die Forster gehen baden
(10 Bilder)

Autor Hagen Pusch
im Speicher seit: 01. Oktober 2002

Vor 95 Jahren, am 11. Juni 1907, öffnete das erste Forster Volksbrausebad am Gutenbergplatz seine Pforten.

Volksbrausebad 1 (Gutenbergplatz)
Bilder 1 bis 5
Volksbrausebad 2 (Gubener Str.)
Bilder 6 bis 10

Bild 01:

Zur Eröffnung war viel Prominenz erschienen

Bild 06:

Vorderansicht des Warmbades II in der Gubener Straße, ca. 1920

  

Bild 02:

Blick auf das Volksbrausebad I von der Langen Brücke aus

Bild 07:

Innenansicht mit dem rechten Kabinengang vor dem Umbau

  

Bild 03:

Gutenbergplatz mit Rückansicht des Bades

Bild 08:

Vor jeder Duschkabine befand sich eine Umkleidekabine

  

Bild 04:

Vorderansicht des Volksbrausebades I

Bild 09:

Rückansicht des Warmbades II vor dem Umbau

  

Bild 05:

Nach dem 2. Weltkrieg, Blick auf das Bad aus der Mühlenstraße

Bild 10:

Internet-Day 2001 im neuen Kompetenz-Zentrum

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Alle Fotos: Hagen Pusch

Schon seit längerer Zeit machte man sich in Forst Gedanken über eine Erweiterung der Bademöglichkeiten für die Einwohnerschaft. Die in Berlin gegründete "Deutsche Gesellschaft für Volksbäder" hatte auch hier eine gewisse Anhängerschaft gefunden. Man versuchte die zum Teil mehr als dürftigen hygienischen Ausstattungen der "Mietskasernen", in denen der Großteil der Forster Fabrikarbeiter mit ihren Familien lebten, zu verbessern, bzw. Möglichkeiten zu schaffen, die Gesundheitspflege, zu der auch das Baden gehört, zu erweitern.

Die städtischen Behörden sahen zwar die Notwendigkeit solcher Bäder, hatten sich aber bislang darauf beschränkt, zwei der Gemeindeschulen mit einem Brausebad auszustatten. Oberbürgermeister Lehmann begründete dies in seiner Eröffnungsrede für das Volksbad I folgendermaßen: " ... Wenn die städtischen Behörden bisher den Bau eines Volksbades noch nicht in Angriff genommen haben, so liegt die Erklärung nicht in dem Vorhandensein unserer Fluß-Badeanstalt, sondern viel mehr in der übergroßen Fülle der an unsere schnell emporgewachsene Stadt gleichzeitig herangetragenen wichtigen Anforderungen." So sah man es natürlich besonders gern, dass hier ein privater Stifter Abhilfe schaffen wollte. Er fand sich in Person des Herrn Komerzienrates Richard Cattien. Dieser hatte über Jahre hinweg an seinem Vorhaben geplant, hatte seinen Einfluss auf Bezirks- und Regierungsebene geltend gemacht und letztendlich von der Stadt den "Baufleck" auf dem Gutenbergplatz "bereitwillig zu Verfügung gestellt" bekommen.

In sehr kurzer Bauzeit wurde das von Architekt Richter entworfene Gebäude durch Forster Firmen errichtet und "unter Berücksichtigung aller hygienischen Errungenschaften der Neuzeit mit allen technischen Vollkommenheiten auf balneologischem (bäderkundlichem) Gebiet ausgestattet." (Forster Tageblatt vom 12.6.1907) Das besorgte die Berliner Spezialfirma H. Schaffstädt.

Im Forster Tageblatt vom 9. Juni 1907 lesen wir über die Ausstattung des neuen Bades." Vom Vorraum kommt man zum Kassenschalter, danach geht man rechts zum Warteraum für Männer, nach links zum Warteraum für Frauen. Daran schließen sich die Flure zu den Bädern an. Für Männer gibt es 10 Brausebäder und ein Wannenbad, für Frauen 4 Brausebäder und drei Wannenzellen. ... Alle Wände sind mit weißglasierten Kacheln versehen, sind 2 Meter hoch und haben 10 cm Fußbodenfreiheit, was für eine gute Ventilation sorgt und ein besseres Reinigen ermöglicht...." Dabei war vor jeder Zelle ein Umkleideraum angeordnet und eine ausschwenkbare Sitzrolle über den Fußbecken ermöglichte auch das Waschen im sitzen. Die Wassertemperatur war auf 35° C beschränkt, so dass es zu keinen Verbrühungen kommen konnte. Die vorhandenen Kellerräume dienten zum Waschen, Trocknen und Plätten der Badetücher und auch der Aufenthaltsraum für das Wärterpaar befand sich dort. Das Bad war an die städtische Druckwasserleitung angeschlossen und verfügte über eine Niederdruckdampfheizung. Die Erwärmung des Wassers erfolgte in einem Gegenstromapparat, der im Kassenraum installiert war und so die Überwachung und Handhabung für den Badewärter erleichterte. Zur Aufrechterhaltung des Badebetriebes war ein Bademeister und eine Bademeisterin angestellt. In den ersten Jahren versah das Ehepaar Kossatz diesen Dienst.

Die festliche Einweihung des ersten "Volksbrausebades" in Forst fand am 11.Juni 1907 um 11 Uhr Vormittags statt. Dazu waren neben dem Stifter und "dessen männlichen Angehörigen" viele Stadtverordnete, der Königliche Gewerbeinspektor, der Vorsteher des Forster Fabrikantenvereins, Herr Fabrikbesitzer Neubarth, der Regierungspräsident von Valentini, der Forster Oberbürgermeister Oscar Lehmann und der Präsident der Deutschen Volksbädergesellschaft, Herr Universitätsprofessor Dr. Lassar, zugegen. Und mit den Worten "Baden macht dich frisch, gesund und rein, flößt dem Körper neues Leben ein." wurden das Bad der Öffentlichkeit übergeben. Dieser Spruch fand sich übrigens auch über dem Haupteingang der Bades verewigt.

Bereits bis Ende des Jahres 1907 wurden an die Forster 21.985 Brausebäder und 6030 Wannenbäder abgegeben. Es fand so rege Benutzung, vor allem durch die Einwohner des östlichen Stadtteils (Berge), dass sich im Januar 1910 Herr Fabrikbesitzer und Königl. Komerzienrat Hermann Bergami veranlasst sah, der Stadt mitzuteilen, ein zweites Brausebad zu stiften. Dieses wurde entsprechend dem Muster des ersten, auf dem ehemaligen Altforster Friedhof an der Gubener Straße erbaut und am 7. Juli 1911 eingeweiht.

In den Jahren des 1. Weltkrieges wurden an die in den Lazaretten der Stadt befindlichen Soldaten, Bäder zu halben Preisen abgegeben und nach Kriegsende durfte "jeder aus dem Felde entlassene hier ansässige Kriegsteilnehmer vier Wochen lang jede Woche einmal kostenlos ein Brausebad nehmen." (Verwaltungsbericht der Stadt Forst 1900 bis 1910)

Die Benutzung der Volksbäder bis hin zum Ende des 2. Weltkrieges 1945 war immer sehr stark. Doch wurde das Volksbad I bei den Kämpfen um unsere Stadt so arg in Mitleidenschaft gezogen, dass sich ein Wiederaufbau nicht lohnte. Anders dagegen das Volksbad II in der Gubener Straße.

Es war bis 1990 in Betrieb und wurde dann aus wirtschaftlichen und hygienischen Gründen geschlossen. Nach mehreren Jahren Leerstand wurde es im Jahr 2000 zu neuem Leben erweckt. Auf betreiben der Firma Mattig & Lindner GmbH wurde das ehemalige Warmbad in ein Kompetenz-Zentrum umgewandelt. Es erhielt einen modernen Anbau, der für Tagungen und Konferenzen bestens ausgestattet ist. Im Altbau befinden sich Schulungs- und Büroräume, Küche und Toiletten.

Eine "Nasszelle" aus der Zeit der Nutzung als Bad ist erhalten worden und erinnert an die lebhafte Vergangenheit dieses Hauses.

Quellennachweis:

"Forster Tageblatt", Juni 1907
"Verwaltungsbericht der Stadt Forst (Lausitz) 1900 - 1910"
"Geschichte der Stadt Forst", Band I, Scholze/Ihlo
Kreisarchiv Landkreis Spree-Neiße
Foto- und Ansichtskartenarchiv des Verfassers

Hagen Pusch, im Oktober 2002