10 Jahre Mauerfall - Predigt Dr.Pietz
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Museumsverein der Stadt Forst (Lausitz) e.V.
Geschichts-Speicher

Thema 10 Jahre Mauerfall
Predigt zum Gedenkgottesdienst 
am 5. November 1999
Autor Dr. Hans-Wilhelm Pietz
im Speicher seit: 31. Dezember 2000

 

(Sprüche 31,8-9

Tu deinen Mund auf für die Stummen und für die Sache aller, die verlassen sind. Tu deinen Mund auf und richte in Gerechtigkeit und schaffe Recht dem Elenden und Armen.)

Tu deinen Mund auf für die Stummen.

Tu deinen Mund auf gegen die Lüge.

Tu deinen Mund auf, daß abfällt die Schwermut.

Tu deinen Mund auf für die große Sehnsucht.

Tu deinen Mund auf!

Das war es, liebe Gemeinde, was uns vor 10 Jahren hier zusammengebracht hat. Das war es, was wir erleben durften und bis heute nicht vergessen.

Menschen, die lange geschwiegen hatten, fanden Worte. Leute, die sich nie in die Öffentlichkeit getraut hatten, hörten sich vor den vielen sprechen. Wer kaum mal einen Gottesdienst besucht hatte, sah sich nun vor dem Altar stehen mit einer Kerze in der Hand, mit einem Wunsch, der zum Gebet wurde. Wer wütend die Faust geballt hatte, sang vom Mandelzweig der Hoffnung. Funktionäre hörten auf zu funktionieren und suchten nach eigenen Sätzen. Die Mahnerinnen und Mahner, die schon lange aufgebrochen waren, hörten ein Echo ihres Mutes.

Ja, für eine kurze Zeit verloren sogar die großen Worte ihre Zwiegestalt und Strittigkeit. Kein Problem: "Freiheit" zu sagen, oder "Wir". Für alle deutlich: "keine Gewalt".

Es war wahrlich kein Wunder, daß ein marodes Wirtschaftssystem wankte und kippte. Es war wahrlich kein Wunder, daß sie zu 10-tausenden davonliefen. Es war aber ein Wunder, daß Menschen Sprache fanden, klare, entlarvende, befreiende Sprache.

Wie hatte die zuvor gelitten! Wie war die mißbraucht worden! Und wie hatten die gelitten, die mit all den Hülsen, Verdrehungen und Indoktrinationen groß geworden waren. Und wie hatten sie, hatten wir uns da selbst verdreht, verrenkt, versteckt, verkrochen.

Schon früh ging es los. Brauchte ja bloß eine Frage zu sein, im Kindergarten oder in der 1. Klasse: "Womit kommt eigentlich das Sandmännchen bei euch im Fernsehen?" Es reichte ja schon so eine Frage aus, um den Riß in eine Kinderseele zu legen. So eine Frage, die bloßstellen sollte, ob denn eine Familie am Abend beim Klassenfeind einkehrte, oder dem richtigen Kanal fröhnte. So eine Frage – und der Riß war da zwischen dem, was zu hause war, wirklich war, vielleicht sogar gut war – und dem, was gefordert wurde, was man hören wollte und sagen sollte. So ging´s ja los. Und scheinbar gut war dran, wer sich zeitig auf´s Lügen einstellte und das Jonglieren mit den Begriffen übte. Anders zu reden als zu denken und zu leben, das war die große Verdrehung.

Die Diktatur war ja nicht das, was heute auf der Oberfläche so erregt hin und her diskutiert wird: Ob die Kinder zuhauf auf dem Töpfchen festgebunden wurden... Lächerliche Selbstrechtfertigung der einen wie der anderen ist so etwas heute. Die Diktatur war viel eher die große Sprachverdrehung und Sprachverwirrung, das Regime der Lüge. "Wie kommt eigentlich das Sandmännchen bei euch im Fernsehen?" Die eine Frage reichte aus, um aus geraden Menschen ganz verbogene Gestalten zu machen.

"Wie, du gehst nicht zur Jugendweihe? Du willst doch studieren." Es reichte mitunter so ein Druck aus, so eine im Pathos gönnerhafter Bevormundung vorgebrachte Frage, um jemanden für lange zum Verstummen zu bringen. Ich habe bis weit in meine Studienzeit Menschen erlebt, die sich nicht offen und öffentlich zu äußern wagten, weil sie irgendwann einmal so vorgeführt wurden: "Nun sag mal, wo dein Gott ist. Sag´s mal allen in der Klasse hier. Die Kosmonauten haben ihn jedenfalls nicht gesehen."

Und was in den Tagen der Kindheit eingeübt wurde, verfestigte sich bei den Ältergewordenen mehr und mehr. Da war es der "antifaschistische Schutzwall". Und du konntest nicht mal zur Beerdigung der eigenen Mutter rüber. Da war es die "Friedensgrenze". Und alles wurde getan, daß nur ja keine Brücken hinüber und herüber führten. Regime der Lüge, Macht der Verdrehung, der Verkrümmung, das war´s.

Eine ganze verdrehte Wirklichkeit hängte sich an die verdrehte Sprache. Und nichts war so gefürchtet, wie das klare Wort. Nichts so geahndet wie ein Aufbruch der Sprache - zu sagen, was Sache ist. Wo aber der Aufbruch der Sprache begann, da begann die Wirklichkeit selbst aufzubrechen.

"Tu deinen Mund auf für die Stummen und für die Sache aller, die verlassen sind. Tu deinen Mund auf und richte in Gerechtigkeit und schaffe Recht dem Elenden und Armen."

So heißt es in der Bibel. Im Buch der Sprüche, Kapitel 31. Und so haben wir es erfahren. In den wahrhaftigen und mutigen Worten, die in den 40 Jahren ja auch immer wieder da waren. Vergessen wir nicht die, die sagten, was ist. Die Originale und die Unbequemen, die Schriftsteller, die Sängerinnen und die Gruppen, die Mütter, die ihre Kinder nicht in die Lüge führten und die Väter, die nicht schweigen wollten.

Daß der Mund für die Stummen und der Mund der Stummen sich dann auftat, das haben wir aber besonders bei den Friedensgebeten erfahren. Vor Gott war Sprache da. Mut vor dem Ewigen. Kraft aus dem Zuspruch, daß Seine Gerechtigkeit reicht soweit der Himmel ist. Was es heißt, daß wir niemandes eigen sind, als allein des einen wahren Gottes eigen, das haben wir da so erfahren, wie es nicht oft erfahren werden kann.

Frei, weil ganz zu eigen, dem zu eigen, der selbst die Quelle der Freiheit ist. Ganz deutlich war´s: Wir sind frei, weil keiner auf Herz und Gewissen, auf unsere Bindung und unser Grundvertrauen Anspruch hat, als Gott allein.

Das trotzt aller Diktatur. Das hält im Leben und im Sterben. Und wenn´s uns hält, wenn es uns doch gehalten hätte, dann hätten wir uns nicht wieder auf´s Neue verloren an die Eitelkeit und die Gewinnsucht, an die Ost-Rechthaberei und die West-Rechthaberei, an den Mammon.

Hätten wir´s doch, könnten wir´s doch festhalten, daß wir allein Gott gehören: Wieviel neue Knechtschaft bliebe uns erspart?

Es war da, wirklich war es und wirklich bleibt es:

Tu deinen Mund auf für die Stummen und für die Sache aller, die verlassen sind. Tu deinen Mund auf und richte in Gerechtigkeit und schaffe Recht dem Elenden und Armen.
 

II

Das Bibelwort aus dem Buch der Sprüche, liebe Gemeinde, macht noch einmal groß, was uns geschenkt war und geschenkt ist. Und doch ist es geheimnisvoller, als wir zuerst meinen. Spricht es denn zuerst von uns? Spricht es denn zuerst von dem, was wir gemacht haben und machen können? Geht es um unsere Erinnerung an große Stunden?

Manche, mancher wird sich ja gefragt haben auf dem Weg hierher: Was soll´s werden? Feierstunde für ferne Aktivisten? Unter-den-Tisch-kehren der großen Probleme heute? Was soll´s werden? Und ich denke, nicht dazu bin ich erst von der Stadt und dann von der Kirchengemeinde eingeladen worden, damit hier erhebende Stimmung wächst. Vielmehr bin ich doch darum mit euch, mit ihnen hier, damit wir die Tiefe dieses Wortes hören – und es aus der Tiefe gemeinsam sagen:

Tu deinen Mund auf für die Stummen.

Was da im Buch der Sprüche begegnet, ist doch nicht zuerst Appell und Auftrag an uns. Ist nicht Auszeichnung der Mutigen vor den anderen. Vielmehr ist es der Ruf der Mutlosen, der Müdegelaufenen, der Wundgewordenen, der Krankgemachten an den, der helfen kann:

Tu du doch, Gott, deinen Mund auf für die Stummen.

Wenn wir uns genau erinnern, dann war es ja auch im Aufbruch aus dem Verstummen der DDR-Zeit nicht unser Wort, das da voran ging, das den Mund öffnete und Verkrümmte aufrichtete. Es war da ja schlicht ein Bibelwort, ein Gotteswort, lange bereit schon, lange auf dem Weg, von Bedrängten und Bedrückten weitergegeben durch die Zeit:

"Schwerter zu Pflugscharen". Verheißung aus dem Propheten Micha. Auf der Kutte getragen, auch wenn sie schon mit der Schere kamen. In kleinen Gruppen gemurmelt. Mit Friedensdekaden ins Land gebracht: "Schwerter zu Pflugscharen".

Gotteswort, Bibelwort, das den Verstummten Auftrieb gab und Kraft und Ziel. Was haben Bibelworte da bewirkt! Was haben Bibelworte in all den Jahren und dann noch einmal in den Wochen im Herbst bewirkt ...

Schlicht die Worte, die wir heute ein wenig vornehm und zugleich auch mit einem gewissen peinlichen Abstand zum "Kulturgut der Mensch-heit" zählen, das man halt in Lebenskunde –Ethik – Religion auch einmal streifen sollte. Und dabei ist´s doch ein Schatz, der Schatz der Armen, der Schatz der Elenden, das Wort, das nicht verstummt, wenn wir kein Wort mehr finden oder mundtot gemacht werden sollen. Da tut ER seinen Mund auf für die Stummen immer neu. Es passiert etwas in der Weltgeschichte, wo die Bibel gehört, gelesen, wo von ihr her gelebt wird.

Und ich frage mich, ob heute, ob in unserer Gesellschaft etwa deshalb so viele verstummen, so viele keine Worte finden, so viele so elend sind, weil wir bei allem Gerede und Gehabe und Gequatsche eine zutiefst bibellose, buchlose, wortlose Gesellschaft sind. Da wird nicht mehr miteinander geredet. Da wird nicht mehr miteinander gehört. Da wird nicht mehr miteinander gebetet. Da gibt es keine Geschichten, in die ich mich mit meiner Ohnmacht oder meiner Wut, mit meiner Sehnsucht und Hoffnung bergen kann. Und dann knallt einer durch – und knallt einfach ab, knallt die anderen und sich selbst am Ende einfach ab.

Nicht wahr, liebe Gemeinde, das ist unser Problem: daß wir nicht mehr miteinander reden, miteinander hören, miteinander beten. Wir verstehen es alle ganz toll, für uns zu reden, uns darzustellen, uns schick rüberzubringen, aus uns etwas zu machen. Aber zwischen uns, da wird’s immer problematischer, immer spannungs-geladener, immer wortloser. Massenkrankheit Wortlosigkeit: Familienwortlosigkeit, Beziehungswortlosigkeit, Gemeindewortlosigkeit – mitten in der Inflation der Bilder und tollen Sprüche.

Was enthalten wir unseren Kindern eigentlich vor, indem wir uns nicht mehr trauen, mit ihnen zu beten, mit ihnen eine biblische Geschichte zu hören, mit ihnen ein Wort zu ergreifen, das hält? Es wächst auch seit 1989 wieder eine Generation heran, die angesichts eines Stück Brotes noch nie "danke" gesagt hat, "danke Gott". Es wächst eine Generation heran, die im Elend noch nie gerufen hat: "bitte, bitte Gott". Es wächst eine Generation heran, die hilflos kichert, wenn es heißt: "unser Vater im Himmel". Und wen wundert es, daß dann auch beim Wort "wir" die große Verlegenheit einsetzt.

Wundern wir uns ernstlich, daß eine solche Generation und Gesellschaft vor allem und oft nur noch den Zugriff kennt? Den Zugriff auf alles, was verlockt. Den Zugriff auf die Güter der Erde. Den Zugriff auf den anderen Körper, der begehrenswert erscheint. Den Zugriff auch auf´s Leben der anderen, weil da mal so eine Wut im Bauch ist auf alle und jeden.

Und das kann´s doch nicht sein, daß wir nun schnell den Finger auf die Politiker richten und sagen: Da sieht man´s wieder, wie die versagen. Sicher gibt es da auch Versagen, gibt es da auch Orientierungslosigkeit. Und es wird nicht viel weiter führen, wenn wir dem politischen Trend folgen, der sich andeutet: Die Kranken und Pflegebedürftigen möglichst schnell nach hause, daß sie sich selbst versorgen – und die problematischen Jugend-lichen in die Heime, damit wir es im Griff behalten.

Das kann´s doch nicht sein. Und auch der Finger auf die anderen, der wird’s nicht bringen. Durch den haben wir ohnehin viel vom kostbaren Gut verderben lassen, das uns geschenkt war. Denn nicht wahr, vor 10 Jahren waren wir da einmal weiter: Nicht die da - wir, zuerst wir sind gefragt. Gerade in einer pluralen Situation. Erst recht angesichts der Massenkrankheit Wortlosigkeit.

Tu deinen Mund auf für die Stummen.

Das wird wirklich mit einer neuen Erzähl- und Hörkultur. Vom Zugriff zum Zuhören und Zusprechen! Nicht wahr, wir können den Zugriff auf alle Daten dieser Welt haben, wenn es nicht einen gibt, der uns zuhört, wenn es nicht die gibt, die uns zuspricht, bleiben wir allein, gefährlich allein. Also: Geschichten weitergeben, in die wir uns bergen können. Die Worte hören lassen, die Orientierung und Halt geben. "Wir" sagen lernen in der Wendung zu dem einen Grund, der einen Quelle, der einen Hilfe, dem einen Gott.

Ich setze auch heute auf die heilende Kraft des Wortes. Es steht bereit. Wir können genesen. Ja, noch ist Zeit.

ER tut seinen Mund auf für die Stummen und für die Sache aller, die verlassen sind. ER tut seinen Mund auf in Gerechtigkeit und schafft Recht dem Elenden und Armen.

 

III

Wenn ich zurückschaue, liebe Forsterinnen und Forster, war vor 10 Jahren nicht viel anders zu predigen. Da war es auch unsere Einsicht: Nicht die neuen Verhältnisse schaffen den neuen Menschen. Vielmehr: Der erneuerte Mensch, der von Gottes Zuspruch aus dem Verstummen befreite Mensch, schafft neue Verhältnisse.

Am 30. Oktober 1989, einen Tag vor dem Reformationsfest, war das der Inhalt des Friedensgebetes. Und viele haben dem zugestimmt. Ganz viele.

Ein bißchen augenzwinkernd möchte ich das mal anhand der damaligen Kollekten illustrieren:

So war es. Die größte Dichte am Tag vor dem Reformationsfest. Für die laute und öffentliche Verkündigung des Wortes, das die Verstummten aufleben läßt. Für das Bibelwort, für´s Gotteswort: Wir dürfen es hören, wir können daraus leben. So wird’s neu.

Hör es gut, du liebe Stadt Forst. Auch du bist der Ort an dem Gott wohnen will, wo er seinen Mund auftut für die Stummen. Hör es, ergreif es, so wird’s gelingen, daß auch du deinen Mund auftust für die Stummen und für die Sache aller, die verlassen sind. So wird’s gelingen, daß du deinen Mund auftust in Gerechtigkeit und Recht schaffst den Elenden und Armen.