Aus der Innungslade der Schneider
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Museumsverein der Stadt Forst (Lausitz) e.V.
Geschichts-Speicher

Thema Aus der Innungslade des 
"Ehrbaren Handwerks der Schneider zu Forst"
(2 Bilder)
Autor Hagen Pusch
im Speicher seit: 17. Januar 2001

 
Der Vorstand der Schneider-Zwangs-Innung 1931

Der Vorstand der Schneider-Zwangs-Innung 1931. 
V.r.n.l.: Otto Menzel, Schriftführer, Richard Noack, stellv. Obermeister, Richard Bandte, Ehren-Obermeister, Hermann Winkler, Fachlehrer, Willy Richter, Obermeister, Richard Voigt, Beisitzer, Paul Baer, Kassierer

Siegel der Schneider-Innung

Das Siegel der Schneider-Innung, versehen mit der Jahreszahl 1606, das Jahr, in dem das Privileg durch die Forster Standesherren bestätigt wurde.

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Die Herstellung von Kleidungsstücken hat sich, wie so viele Dinge, in den letzten Jahrzehnten grundlegend geändert. Was ursprünglich mit Schere, Elle, Nadel und Faden per Hand geschneidert wurde, geschieht heute meist unter Industriebedingungen und ist in allen Belangen hochgradig mechanisiert uns automatisiert. Was ist geschehen mit dem "tapferen Schneiderlein" und Schneider Böck? Gab es 1939 noch 218 selbstständige Schneidermeister und Schneidermeisterinnen in Forst, so ist deren Zahl bis zum heutigen Tage auf 3 (!) gesunken.

Dabei hat gerade auch das Schneiderhandwerk in Forst eine über viele Jahrhunderte gehende Tradition.

Lassen Sie uns einen Blick in die Innungslade und die Meisterbücher der Forster Schneiderinnung werfen, um ein wenig über Lebensverhältnisse und Gebräuche dieses nun schon fast "ausgestorbenen" Handwerks, aus früherer Zeit, zu erfahren.

Das Wirken der hiesigen Schneider läßt sich bis in das 16. Jahrhundert zurückverfolgen. Zwar nennt J. Ch. Schneider in seiner "Chronik der Stadt Forst" die Schuhmacher mit einem Gewerksprivileg von 1533 als älteste Innung (Vereinigung von Handwerkern gleichen Handwerks zur Förderung gemeinsamer gewerblicher Interessen), aber die Aufzeichnungen im ältesten Meisterbuch der Schneiderinnung sind auch mit den Jahreszahlen 1581 und 1593 versehen. Ihr Privileg bekamen sie 1606 von den Forster Standesherren bestätigt und seitdem bestand offiziell die Zwangs- Innung der Schneider. Die Innung, der alle selbstständigen Schneidermeister angehören mußten (deshalb Zwangs- Innung), entschied über die Aufnahme und "Loßsprache" von Lehrlingen, regelte das Zusammenleben von Meister, Geselle und Lehrling und nahm selbst die Meisterprüfung vor. Sie hatte auch das Recht (Privileg) "Pfuschern", die ihr Handwerk nicht rechtens gelernt und nicht Mitglied der Innung waren, Rohstoffe und Waren abzunehmen, um somit ihre Zunft "sauber" zu halten. Im Jahre 1626 gab es 18 Schneidermeister in unserem Städtchen. Doch die im Herbst des gleichen Jahres ausgebrochene Pest ließ nur sieben von ihnen überleben. Eine andere Geschichte ist aus dem Jahr 1655 überliefert. Da heißt es im Meisterbuch: "Anno 1655, d. 11. Januaris, ist Georg Steffen Meister worden, hat also das seinige verrichtet wie ein anderer Meister." Wenn es heißt, "das seinige verrichtet", so ist darunter nicht nur seine Arbeit zu verstehen, sondern auch sein "Einkauff". Jeder Jungmeister hatte nämlich zum Einkauf in die Innung zu dieser Zeit 2 Tonnen Bier, einen halben Taler in die Lade, 4 Pfund Wachs in die Lade, 2 Pfund Wachs in die Kirche, ein Geldstück für den "Eltesten" und eins "vors Leichentuch", für das "Kirchenfenster" eine Gebühr und eine Mahlzeit von 3 bis 4 Speisen zu entrichten. Später mußten die Jungmeister ihren "Einkauff" in barer Münze zahlen, und es ist überliefert, daß Johann Gotthelf Freudenberg im Jahre 1824 mit 26 Thlr. 8 Sgr. 9 Pf. das höchste "Meistergeld" bezahlt hat. Auch mußte für Fehler im Meisterstück Strafe gezahlt werden und Fehler wurden immer gefunden, denn so kam Geld in die Innungskasse.

Anfang des 18. Jahrhunderts, als die Herzogin Luise Elisabeth von Sachsen- Merseburg in Forst ihren Witwensitz nahm, hat es für die Schneider viel Arbeit gegeben. Die große Hofhaltung brachte den Schneidern großen Verdienst, wie überhaupt der 32- jährige Aufenthalt der Herzogin für die "arme Stadt ein großes Glück gewesen ist" (Schneider'sche Chronik) Und noch eine Begebenheit aus dem Jahre 1844 sei hier erwähnt. In der Nr. 41 des "Forster Wochenblattes" machte Schneidermeister Richter aus Spremberg bekannt, daß er sich hierselbst als Herren- und Damenkleidermacher etabliert habe. Da er aber nicht der Innung beigetreten war, konnte man in der nächsten Ausgabe folgende Abwehranzeige lesen: "Die in Nr. 41 dieses Blattes gemachte Anzeige des Schneidermeister Richter aus Spremberg können wir nicht als gültig anerkennen, da der p. Richter kein Mitglied unserer Innung ist. Wir finden uns daher veranlaßt, ein geehrtes Publikum darauf aufmerksam zu machen, daß, wenn wir Arbeit bei dem p. Richter finden, selbige durch die Polizei wegnehmen lassen." Forst, d. 5. November 1844 - Das Schneidergewerk."

Nach Einführung der "Gewerbeordnung für den Norddeutschen Bund" 1869 kam es auch in Forst zu Gründung einer freien Schneiderinnung. Aber das 1897 erlassene "Handwerkerschutzgesetz" brachte durch eine Verfügung des Frankfurter Regierungspräsidenten die erneute Entstehung von Zwangsinnungen.

In all diesen Jahren gab es in Forst nie eine selbstständige Schneiderin. Erst auf allerhöchste Kabinettsorder vom 24. September 1822 konnten auch weibliche Personen die Erlaubnis zum selbstständigen betreiben des Schneidergewerbes erhalten. 1835 ließ sich Auguste Schröter als erste Schneiderin in Forst nieder und hatte, wie man sich denken kann, einen sehr schweren Stand gegenüber ihren männlichen Zunftgenossen. Diese erhoben Einspruch gegen die Niederlassung dieser "Pfuscherin". Zuerst beim Magistrat und dann auf allen höheren Ebenen, bis zum Ministerium des Inneren, wurden aber überall energisch abgewiesen. Frau Schröter durfte auch nicht Mitglied der Innung werden. 3 mal stellte die Stadt bis 1911 den Antrag, auch die Schneiderinnen von Forst der Innung anzugliedern und jedes Mal wurde der Antrag abgelehnt. So kam es dazu, daß sich eine eigenständige Innung der Schneidermeisterinnen und selbstständigen Schneiderinnen in Forst gründete.

Literaturverzeichnis
Joh. Christoph Schneider "Chronik der Stadt und Standesherrschaft Forst"
Albert Prenzel "Festschrift zum 325-jäh. Bestehen der Schneider-Zwangs-Innung Forst (Lausitz) und Umgebung",1931
"Forster Wochenblatt", Jahrgang 1844