Maria Karch
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Museumsverein der Stadt Forst (Lausitz) e.V.
Geschichts-Speicher

Thema Maria Karch
Eine Forsterin im Deutschen Reichstag
(2 Bilder)
Autor Hagen Pusch
im Speicher seit: 17. Januar 2001

 
Ausweis zum Deutschen Reichstag Nr. 209 für Maria Karch

Ausweis zum Deutschen Reichstag Nr. 209 für Maria Karch. Er berechtigte u.A. zur freien Fahrt auf allen Bahnstrecken der deutschen Eisenbahn in beliebigen Wagenklassen.

Wohnhaus der Familie Karch

Wohnhaus der Familie Karch - Ecke Fruchtstraße/Virchowstraße Nr. 18, hier befand sich auch der Kolonialwarenladen von Maria Karch.

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34.155 Einwohner zählt man 1920 in unserer Stadt. Unter ihnen die Eheleute Hermann und Maria Karch mit ihrer Tochter Erika. Der aus Niederschlesien stammende Maurer zieht mit seiner Familie um 1910 nach Forst. Hier gibt es für ihn Arbeit, denn die aufblühende Tuchindustrie läßt Fabrik nach Fabrik entstehen.

Doch mit dem Ausbruch des Weltkrieges 1914 beginnen für alle harte Zeiten. Die wehrdiensttauglichen Männer werden zum Kriegsdienst gemustert und selbst der Oberbürgermeister Fischer wird zum Heeresdienste einberufen. Die sogenannte Kriegswirtschaft zeigt ihre Auswirkungen bis in die privatesten Lebensbereiche der Menschen.

Mit dem Ausgang des Krieges und der Ausrufung der Republik am 9. November 1918, sind in Deutschland die politischen Verhältnisse neu zu ordnen. Der Kaiser hat abgedankt, aber die demokratischen Formationen haben es nicht leicht, die verhärteten Strukturen im Denken und Handeln der Menschen zu erweichen. Ende November 1918 wird die erste Wahl zur verfassungsgebenden Nationalversammlung beschlossen. Diese findet am 19. Januar 1919 statt und erlaubt erstmals auch den Frauen, an einer Wahl teilzunehmen. In den 14 Wahlbezirken, die in Forst gebildet wurden, hatten 20.419 Personen das Stimmrecht. (im Vergleich: 1909 betrug die Zahl der in der Forster Bürgerrolle eingetragenen stimmfähigen Bürger 5.892) Die Wahlbeteiligung lag bei 91% und mit 12.253 Stimmen für die SPD wurde hier, wie fast im gesamten Reichsgebiet, diese Partei zur stärksten Fraktion.

Die neu entstandene Weimarer Verfassung, trat am 14. August 1919 in Kraft und knapp ein Jahr später, am 6. Juni 1920 fand die erste ordentliche Wahl zum neuen Reichstage statt.

In dieser bewegten Zeit, die durch Revolution und Gegenrevolution, durch Widerstand von links und rechts, gekennzeichnet ist, gelangte auch unsere Familie Karch in den Strudel dieser Macht- kämpfe. Begeistert von den Zielen der USPD (Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands) und als deren Mitglied, wird die 43 jährige Hausfrau Maria Karch als Kandidatin für die Reichtagswahl nominiert. (Wahlkreis Frankfurt/O. - Grenzmark) Die Zulassung erhält sie am 31. Mai 1920 durch den Kreiswahlleiter zu Frankfurt/Oder, Herrn Regierungsrat Friese.

Im Ergebnis dieser Wahl wurden 110.066 Stimmen für die USPD im Wahlkreis Frankfurt/Oder ausgezählt und da auf 60.000 Stimmen ein Mandat entfiel (Verhältniswahlrecht), wurde neben dem Spitzenkandidaten Franz Kotzke auch Maria Karch aus Forst als Abgeordnete gewählt. (siehe auch Anlage 1)

Zwar konnte die USPD ihren Stimmenanteil gegenüber 1919 vervierfachen (4.895.317 Stimmen = 81 Abgeordnete - von insgesamt 466), aber an der Regierungsbildung war sie nicht beteiligt. Zu groß war die innere Zerrissenheit in der Partei zwischen den SPD- nahen Kräften und einem radikalen, den Kommunisten nahestehenden, Lager. Die Konsequenz daraus war die Spaltung der Partei. Die Mehrheit schloß sich der KPD an, die erst dadurch nennenswerten Anhang innerhalb der Arbeiterschaft und parlamentarische Bedeutung erhielt. So wandte sich auch die Abgeordnete Maria Karch dem kommunistischen Block zu. In ihrer Abgeordnetentätigkeit hatte Frau Karch bis zur vorzeitigen Auflösung der Reichstages 1924 unter 7 verschiedenen Kabinetten parlamentarische Arbeit geleistet. Für die nun anstehende Neuwahl des Reichstages steht sie nicht mehr zur Verfügung. Maria Karch hat mit der "großen Politik" gebrochen. Inzwischen parteilos, kandidiert sie aber für die Stadtverordnetenwahl in Forst, die am 16. April 1924 stattfindet. Im Wahlvorschlag Nr. 1 der Vereinigten Sozialdemokratischen Partei Deutschlands wird sie mit 13 weiteren Kandidaten als Stadtverordnete gewählt (siehe auch Anlage 2). In ihrer Arbeit als Stadtverordnete zeigt sie wenig Aktivitäten. Sie ist in keinem der zu besetzenden Ausschüsse vertreten und wird auch nicht wieder zur Stadtverordnetenwahl kandidieren.

Ende der dreißiger Jahre eröffnet Frau Karch einen Kolonialwarenladen. Er befindet sich in ihrem Wohnhaus in der Viktoriastraße 18/Ecke Fruchtstraße (heute Virchowstraße/Fruchtstraße). Diesen führt sie, mit einer kurzen Unterbrechung, bis zum 31. Mai 1946. Ein fortschreitendes Augenleiden zwingt sie zur Schließung des Geschäftes. Nach dem Tode ihres Mannes muß sie sich, völlig erblindet, in betreute Pflege begeben. Ein ereignisreiches Leben, das zwei Weltkriege, Inflation, Wirtschaftskrise, Politik und Geschäft gezeichnet haben, geht am 6. Juli 1958 zu Ende.
An weiterreichenden Informationen zum Thema Karch, Maria bin ich stets interessiert (E-Mail hagenpusch@aol.com)

Anlage 1

Im Wahlkreis 5, Frankfurt a.d.O. wurden nachfolgende Abgeordnete für den Reichstag gewählt:

Otto Wels (SPD)

Oswald Schumann (SPD)

Carl Giebel (SPD)

Franz Kotzke (USPD/SPD)

Maria Karch (USPD/KPD)

Karl Malke (DNVP)

Wilhelm Bruhn (DNVP)

Fritz Warmuth (DNVP)

Hans Arthur v. Kemnitz (DVP)

Bruno Zeschke (DVP)

 Max Bahr (DDP)

 Anlage 2

Ergebnisse der Stadtverordneten-Wahl für Forst (Lausitz),1924
Wahlvorschlag 1: Vereinigte Sozialdemokratische Partei Deutschlands (8109 Stimmen/14 Mandate)
Wahlvorschlag 2: Gewerkschaftsring deutscher Arbeiter-, Angestellter- und Beamtenverbände (1574 Stimmen/2 Mandate)
Wahlvorschlag 3: Kommunistische Partei Deutschlands (1723 Stimmen/3 Mandate)
Wahlvorschlag 4: Vereinigte Bürgerliste (7859 Stimmen/14 Mandate)
Wahlvorschlag 5: Wirtschaftspartei des deutschen Mittelstandes (1432 Stimmen/2 Mandate)

Zur Stadtverordnetenwahl 1924 wurden in Forst 15 Wahlkreise gebildet. Hier eine Liste der Wahllokale:
Wahlbezirk 1 Schützenhaus, R.-Wagner-Str. 12
Wahlbezirk 2 Klubhaus Beier, Gubener Str. 28
Wahlbezirk 3 Gasthaus Dubkan, Frankfurter Str. 61
Wahlbezirk 4 Gasthaus Puhlschneider, Lindenplatz 4
Wahlbezirk 5 Gasthaus Müller, Gymnasialstr. 17
Wahlbezirk 6 Gasthaus "Gut Heil!", Bahnhofstr. 56
Wahlbezirk 7 Gasthaus "Zur neuen Zeit" (früher Sängerheim), Cottbuser Str. 48
Wahlbezirk 8 Gasthaus "Zur Eisenbahn", Alberstr. 20
Wahlbezirk 9 "Würzburger Bierstuben", Herr Koch, Berliner Str. 33
Wahlbezirk 10 Luisenschule, Turnhalle, Brühlstr. 26
Wahlbezirk 11 "Zur Eiche", Herr Reischel, Spremberger Str. 5
Wahlbezirk 12 Gasthaus Schreiber, Spremberger Str. 17
Wahlbezirk 13 "Zum grünen Wald", Pförtner Str. 48
Wahlbezirk 14 Gasthaus Fritz Heinrich, Pförtner Str. 22
Wahlbezirk 15 Volksschule 4/6, Richtstr. 22

Die Stimmzettel wurden von den Wahllokalen ausgegeben, waren 8 x 12 cm groß und hatten eine gelbliche Farbe.

Auf 4 Jahre wurden folgende Stadtverordnete gewählt: (In Klammern Wahllisten-Nr.):

Töpfermeister Willy Batschick (5)

Weber Karl Bittner (3)

Schuhmachermeister Karl Buder (1)

Fabrikbesitzer Fritz Cattin (4)

Weber Reinhold Conrad (1)

Fabrikbesitzer Clemens Eberle (4)

Weber Richard Ebert (1)

Gewerkschafts-Sekretär Wilhelm Faßbender (4)

Gastwirt Erich Handreck (5)

Handlungsgehilfe Wilhelm Görgen (4)

Weber Adolf Heinemann (1)

Gewerkschafts-Sekretär Reinhold Heyne (1)

Weberin Berta Hornick (3)

Ehefrau Maria Karch (1)

Kaufmann Josef Kloubert (4)

Maurermeister Paul Krahl (4)

Fabrikbesitzer Paul Rudolf Krüger (4)

Walkereibesitzer Max Leske (4)

Bauführer Wilhelm Liebing (1)

Hausfrau Klara Medefindt (4)

Büroansestellter Paul Petschke (1)

Bürodirektor Georg Rönschke (4)

Gewerkschafts-Sekretär Heinrich Rösler (2)

Kaufmann Otto Roick (4)

Schriftsetzer Albert Schade (1)

Landwirt Robert Schlimber (4)

Tuchmacher Theodor Schmidt (1)

Arbeiter Bruno Scholz (3)

Fabrikbesitzer Emil Seeger (4)

Weberin Emma Stephan (1)

Weber Robert Trost (1)

Oberpolizeisekretär Harry Voß (4)

Kaufmann Georg Walter (2)

Lehrer Max Schulze (1)

Maschinenmeister Hugo Walther (1)

Als Stadtverordneten-Vorsteher fungierte Clemens Eberle

Stellvertreter Josef Kloubert

Schriftführer Harry Voß

Stellvertreter Georg Walter

 

Literaturverzeichnis
M.Schwarz "Biographisches Handbuch der Deutschen Reichstage", Verlag
Literatur und Zeitgeschehen GmbH, Hannover 1965
Forster Stadtbuch 1927, Verlag E. Hoene
Forster Tageblatt 1920/1924, E. Hoene (Kreisarchiv Spree-Neiße)
Die große Bertelsmann Lexikothek, Unser Jahrhundert in Wort und Bild, Die 20er Jahre