Die Axt am Klavier

 

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Museumsverein der Stadt Forst (Lausitz) e.V.
Geschichts-Speicher

Thema Gottlob Philipp und seine klingende Produktionsstätte in Forst
Die Axt am Klavier
(5 Bilder)
Autor

Ingrid Ebert

im Speicher seit: 03. Januar 2001


Pianofabrik mit Dampfbetrieb 1907
 

G. Philipp
Pianofabrik mit Dampfbetrieb
aus: Forst und seine Industrie in Wort und Bild, 1907

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Aufgearbeiteter Flügel aus der Produktion von G. Phillip. Es steht im Cottbuser Presse-Café " doppel-deck ". Das ehemals schwarze Instrument wurde mit einem weißen Autolack versehen und vollkommen in Ordnung gebracht. Es klingt sehr gut und wird auch öfters gespielt.
 

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Harmonium-Klavier aus der Forster Piano-Fabrik, Baujahr ca. 1880. Anzusehen im Heimat-Museum zu Herrnhut.

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Detailansicht des gleichen Instrumentes mit Namenszug und Medaillen.

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Abbildung der Innenansicht eines Klaviers von Gottlob Phillip aus einem Katalog der Firma.

Klicken Sie auf die Bilder.
Bilder 2 bis 5: Hagen Pusch


Gottlob Philipp
und seine klingende Produktionsstätte in Forst

Wer weiß schon noch, daß in Forst einst Klaviere gebaut wurden, und was für welche! Es war Gottlob Philipp, der 1872 in der Cottbuser Straße eine Pianofabrik gründete. In Forst gab es damals zwar viele Tuchfabriken, eine Pianofabrik jedoch bis zu diesem Zeitpunkt nicht.

Eigentlich hatte Gottlob Philipp das Müllerhandwerk gelernt. Und später ist er als Tischler auf Walze gegangen. In Wien lernte er Klaviere zu bauen. Zurück in seiner Heimatstadt Forst setzte er Gelerntes in die Tat um. Rund 400 Klaviere entstanden in manueller Arbeit jährlich. Handgefertigte Klavier, heute ein unbezahlbarer Luxus. Die Forster Instrumente gingen in alle Welt. Philipps Kunden konnten in Forst zwischen sechs, sieben Modellen wählen. Auch das kleinste Teil entstand in manueller Arbeit.

Gottlob Philipp fertigte Mechaniken und Klaviaturen eigenhändig an. Und er tüpftelte immer wieder an Neuheiten, die Menschheit zu überraschen. Zu Philipps Ideen gehörte ein Klavier zum Auseinandernehmen, was Möbelträger sicher begrüßten. Mit diesem Klavier reiste Gottlob Philipp 1888 zur Musikinstrumentenausstellung nach Frankfurt/Main. Dort staunte man nicht schlecht, als Herr Philipp mit mehreren kleinen Kisten eintraf. Nur eine halbe Stunde brauchte er, um sein Vorführexemplar zusammenzubauen. Das überzeugte. Gottlob Philipp brachte eine Goldmedaille nach Forst zurück.

Der Sohn übernahm die Leitung der Fabrik. Und schon tummelte sich auch Gottlobs Enkelsohn Gerhard zwischen den Werkbänken.

Die Zeit verlangte rationelleres Arbeiten. Bald wurden nur noch zwei Modelle hergestellt, Teile kamen bereits vorgefertigt im Werk an.

Aber noch immer konnte der Kunde zwischen verschiedenen Außenansichten wählen. Die Entwürfe dafür entstanden an Ort und Stelle.

Die kleine Firma schloss Verträge mit Ländern in aller Welt ab. Die wenigsten Klaviere aus Forst sind in der Region verblieben. 70 bis 75 Prozent der klingende Produkte gingen auf weite Reise.

Auch Gerhard Philipp hatte inzwischen seinen ersten Flügel gebaut. Das war 1926. Dann kam der Krieg. Gerhard Philipp wurde Soldat und geriet in die Gefangenschaft. Als er 1946 aus der Gefangenschaft zurückgekehrt war, hatte die Pianofabrik in der Cottbuser Straße zwar den Krieg einigermaßen unbeschadet überstanden. Aber Werkzeug und Material waren verschwunden. Lohnte sich der Aufbau einer Pianofabrik in einer Stadt, die zu 80 Prozent in Trümmern lag? Wer verlangte schon noch nach einem Klavier? Gab es da nicht wichtigere Produktionsstätten? Andererseits: War in den schweren Zeiten des Wiederaufbaus nicht auch die Musik, die Kultur und damit die Freude am Leben eine wichtige Sache? Der russische Kommandant von Forst war selbst ein guter Klavierspieler. Er genehmigte den Aufbau der Klavierfabrik und unterstützte die kleine Firma sehr. Sie wurde aber nie wieder zur Produktionsstätte. Gerhard Pilipp, der 1948 in Potsdam die Prüfung als Klavierbauermeister ablegte, machte es sich zur Aufgabe, verstummte oder verstimmte Tasteninstrumente wieder zum Klingen zu bringen. Das tat er bis ins hohe Alter hinein. Mit großem Fingerspitzengefühl und mit Stimmkrücke, Ergen, Filzkeilen und Spezialzangen "heilte" er so manches instrumentale "Gebrechen". Mit unbestechlichem Gehör sorgte er in Forst und Umgebung jahrzehntelang dafür, daß sich Klaviere und Flügel in Forst und Umgebung keine Unstimmigkeit nachsagen lassen mußten.

Anmerkung der Autorin:
Die Fakten stammen aus Gesprächen, die ich mit Gerhard Philipp 1975 führte.
 
Wer kennt weitere Geschichten zum Thema? Ingrid.K.Ebert@t-online.de

Die Axt am Klavier

Es muß doch einfach noch irgendwo ein Philipp-Klavier zu finden sein, denn wenn wir daran denken, ein Klavier im Museum zu haben, dann natürlich nur eines aus Forster Produktion. Das hatte sich Museumsleiter Dirk Wilking gesagt, und er sollte recht behalten. Es war eins zu finden. Bei Eberhard Winkler nämlich, dem pensionierten Musiklehrer in Forst.

Dieser besaß ein Philipp-Klavier, und er dachte schon seit längerem daran, sich von diesem Stück zu trennen, obwohl sich mit dem Instrument eine einmalige Geschichte verbindet.

"Für das Museum gebe ich es gerne", sagte Eberhard Winkler. Und dann erzählte er mir die Geschichte, die sich für ihn mit diesem Klavier verbindet, und die er jedem erzählt, der sie hören möchte. Die Geschichte von der Axt, die schon an das Klavier gelegt war, bereit, das schöne Instrument zu zerstören. Dabei war es damals erst drei Jahre alt. Und er, für den es bestimmt war, hatte noch gar nicht daran gesessen. .

Eberhard Winkler war ein musikalisch begabtes Kind. Seine Mutter hatte das früh erkannt und sie wußte, die Begabung ihres Sohnes zu fördern. Sie schickte ihn 1941 nach Braunschweig auf die Musikschule. Orchestermusiker, Kapellmeisterlaufbahn - hier stand dem jungen Mann alles offen. Nur die Zeit damals, die ließ nicht so viele Möglichkeiten offen. Es war Krieg.

Martha Winkler dachte mehr an die Zeit nach dem Krieg, wenn sie an ihren Sohn dachte. Irgendwann würde der Krieg zu Ende sein. Und ihr Sohn würde spielen. In weiser Voraussicht kaufte Martha Winkler ein Klavier. 1942. Sie kaufte es in der Forster Pianofabrik Philipp in der Cottbuser Straße.

Keine schlechte Adresse für einen guten Kauf.

Doch dann wurde Forst zur Frontstadt, in harten Kämpfen eingenommen.

Reparation - schon kurze Zeit später ein gefürchtetes Wort für jeden, der in seiner Heimtstadt geblieben war und der nun um sein Hab und Gut bangte.

Eberhard Winkler: "Es gab sie doch schon immer, die Speichellecker, die, um sich selbst in ein rechtes Licht zu rücken in der Kommandantur mitteilten, wo was zu holen sei. Vielleicht auch, um dem Nachbarn eins auszuwischen. Oder aus Neid. Wenn ich nichts habe, soll der andere auch sein Hab und Gut verlieren."

Die russischen Lastwagen rollten durch die Straßen. Soldaten gingen zielgerichtet in Häuser, was gefiel, wurde aufgeladen.

Winklers wohnten damals in der Triebeler Straße. Martha Winkler stand hinter der Gardine. Ihr Herz klopfte bis in Hals hinein. Die Angst schnürte ihr die Kehle zu. Sie sah den Lkw näher kommen. "Die wollen das Klavier", fuhr es ihr durch den Sinn. Was anderes konnte es gar nicht sein. Und hieß es nicht, der russische Kommandant könne recht gut Klavier spielen? Schon hielt das Fahrzeug vor dem Haus. "Sie wollen das Klavier", wußte Martha Winkler. Sie würden es holen kommen, in wenigen Minuten wurde es gegen die Tür klopfen. Und dann würden sie es einfach mitnehmen. Ihr Klavier. Wie lange sie dafür gespart hatte. Und wenn ihr Sohn Eberhard aus der Gefangenschaft nach Hause kam, würde er kein Klavier zum Üben haben. Konnte sie denn gar nichts tun? Sie konnte. Sie tat. Sie tat etwas ganz Verrücktes.

Martha Winkler lief, eine Axt zu holen. Die stellte sie an das Klavier. "Ich gebe das Klavier nicht raus", sagte sie mehr eigensinnig als mutig. "Es ist für meinen Sohn. Der braucht es. Ich gebe das Klavier nicht her, eher schlag ich es kurz und klein."

Und schon hob sie die Axt empor, bereit, das spaltende Werkzeug niederdröhnen zu lassen auf Tasten und Saiten. Als Eberhard Winkler im Oktober 1945 heimkehrte, stand das Klavier im Wohnzimmer für ihn bereit, unangetastet.

Anmerkung der Autorin:
Die Fakten stammen aus Gesprächen, die ich mit mit Eberhard Winkler 1998 führte.
 
Wer kennt weitere Geschichten zum Thema? Ingrid.K.Ebert@t-online.de