Am Ende einer Zeit
[Home] [Ausstellungen] [Ausstellungsarchiv] [Am Ende einer Zeit] 

Ausstellungsarchiv

Am Ende einer Zeit
Die Textilstädte Crimmitschau, Plauen Forst

Fotografien von Martin Holtappels und Annette Hudemann

17. Mai 1999 bis 29. August 1999

Fotoausstellung - Am Ende einer Zeit; Forst - Ehemalige Blumenfabrik
Fotoausstellung - Am Ende einer Zeit Fotoausstellung - Am Ende einer Zeit

Die fotografischen Arbeiten zu dieser Ausstellung entstanden in den Jahren 1992 bis 1995. Sie stammen aus einem Fotoprojekt mit mehr als 2000 Aufnahmen aus den Textilstädten Crimmitschau, Plauen und Forst. Die beiden Autoren sind Fotografen in der Zentrale des Westfälischen Industriemuseums, der Zeche Zollern II/IV in Dortmund. Zu diesem westfälischen Landesmuseum gehören sieben weitere Standorte, darunter das Textilmuseum in Bocholt im Westmünsterland.

Gegründet ist die Dokumentation von Stadtbildern in den neuen Bundesländern auf ein starkes Interesse der Initiatoren an einer Auseinandersetzung mit der industriellen Überlieferung auf dem Gebiet der ehemaligen DDR. Besonders interessant erschien die vom Zweiten Weltkrieg verschont gebliebene und gegenüber den alten Bundesländern zahlreich vorhandene ältere Fabrikarchitektur.

Die Neubauprogramme in Plattenbauweise konnten bis 1989 längst nicht überall die gewachsenen Strukturen zwischen vorindustriellem Stadtzentrum, gründerzeitlichem Fabrikviertel und frühem Arbeiterwohnungsbau beeinträchtigen. In zahlreichen Betrieben mußte eine vergleichsweise antiquierte Maschinenausstattung in Gang gehalten werden. Dadurch wurden hochrangige technische Zeugnisse der Industriegeschichte vor der Schrottpresse bewahrt.

Schon bald nach 1989 hatte der politische und wirtschaftliche Umbruch den überlieferten Stadtbildern (von Plauen und Crimmitschau) deutliche Zeichen aufgeprägt: Zahlreiche Textilfabriken waren in Konkurs gegangen. Manche wurden dem Verfall preisgegeben und schließlich abgerissen, andere grundlegend restauriert und einer neuen Nutzung zugeführt. In den Straßen wich das buckelige Pflaster glattem Asphalt; neue Hinweisschilder und auffällige Reklametafeln wurden montiert.

Die Monotonie der in sozialistischer Zeit vernachlässigten Wohnzeilen brach sich immer häufiger in den aufwendig restaurierten Fassaden einzelner Gründerzeithäuser. Solche Signale ließen darauf schließen, daß die Städte innerhalb weniger Jahre ihr Gesicht erheblich verändern würden.

Unter diesem Eindruck entstand die Idee einer umfassenden Fotodokumentation.

Alle drei Städte sind monostrukturell durch die Textilindustrie geprägt, besitzen aber jeweils ihr eigenes textilspezifisches Profil. Plauen war Zentrum der deutschen Stickerei- und Spitzenherstellung, Crimmitschau die Stadt der Vigognespinnerei und der Vorort der deutschen Textilarbeiterbewegung. Forst schließlich rühmte sich zeitweilig als Deutschlands größte Tuchstadt.

Dokumentiert werden sollte ein Zeitschnitt. Hierbei galt es zunächst, das bauliche Erbe aus der Blütezeit der örtlichen Textilindustrie in möglichst zahlreichen Facetten festzuhalten: neben Fabriken, Unternehmervillen und Arbeiterhäusern auch gründerzeitliche Schulen, Kirchen und Denkmäler. Berücksichtigt wurden zudem die Relikte der vorindustriellen Überlieferung sowie exemplarische Gebäude aus späteren Jahrzehnten, wie die des genossenschaftlichen Wohnungsbaus der Weimarer Zeit, Plattenbauten aus der DDR-Ära, ein neues Gewerbegebiet aus der Nach-Wende-Zeit ...

Die Wahl fiel vor allem wegen ihres monopolistischen Stellenwertes, den die industrielle Herstellung von textilen Erzeugnissen gerade im Wirtschaftsprofil von Forst, Plauen und Crimmitschau mehrere Jahrzehnte lang besaß, auf diese drei Städte.

Auch heute wird die industriegeschichtliche Überlieferung in Deutschland noch häufig als wertloser Schrott eingeschätzt, um den es nicht schade ist, wenn er verschwindet. Vor diesem Hintergrund apellieren viele der ausgewählten Fotoarbeiten für einen schonenderen Umgang mit der baulichen Hinterlassenschaft der letzten hundert Jahre. Sie zeigen, daß Fabriken, Arbeiterhäuser, Brücken oder Bahnhöfe ebenfalls ein wichtiges kulturelles Erbe sind.